Familien-/ Systemaufstellungen ...

... erlauben uns einen tiefen Einblick in die unbewussten Ursachen unserer Konflikte und Probleme. Durch das Sichtbarmachen familiärer Verwicklungen, die oft Generationen zurückliegen, sind wir erst imstande, deren Einfluss auf uns wahrzunehmen und sind so in der Lage sie aufzulösen. In der Folge dieses ‚Auflösens‘ können das eigene Leben und dessen Dinge wieder ‚in Ordnung‘ kommen. Rasche und große Veränderungen in Richtung eines selbstbestimmten Lebens, zu mehr Lebensfreude und größerer Beziehungsfähigkeit sind möglich.

Familienaufstellungen, oder der allgemeinere Begriff: Systemaufstellungen, sind mittlerweile gut bekannt. Noch nicht so bekannt sind allerdings ihr schier unerschöpfliches Potenzial, in immer neuen Feldern klärende Einsichten zu ermöglichen. Aufstellungen erinnern uns an die Tatsache, dass wir ohne Mühe füreinander zu Medien, zu Vermittlern von Erfahrungen werden können, von denen wir in üblicher Weise nichts wissen.

So wie wir dank unserer Augen sehen können, verfügen wir über ein eigenes Sinnesorgan, das stellvertretende Wahrnehmung ermöglicht. Dieses feinstoffliche Sinnesorgan lässt uns am Erleben und am Seinszustand anderer Menschen teilhaben. Es bedient sich vor allem unseres Körpers in seiner Wahrnehmungsfülle, so dass wir in Aufstellungen vom ‚wissenden Körper‘ sprechen; unsere Gefühle, unsere Vorstellungskraft und mentale Prozesse, werden zu Hilfsmitteln.

Stellvertretende Wahrnehmung- eine ...

... natürliche Fähigkeit. Stellvertretende Wahrnehmung ist non-lokal (ein Begriff aus der Quantenphysik), d.h. sie wirkt unabhängig von der räumlichen Entfernung derer, die aufgestellt werden. Und stellvertretende Wahrnehmung ist überzeitlich, d.h. sie bezieht weit zurückliegende und vielleicht auch als Potenzial in der Zukunft liegende Ereignisse mit ein und, wie die Leser vielleicht wissen, auch verstorbene Menschen und Personen, denen wir nie begegnet sind, die aber im Unbewussten unserer Familie eine wichtige Wirkung hinterlassen haben.

Stellvertretende Wahrnehmung erinnert uns daran, dass wir neben unserem linearen Zeiterleben auch in einem zeitlosen oder all-zeitlichen Raum existieren, in dem alles was war, ist und sein kann Jetzt ist, in eben diesem Augenblick.

Und schließlich ist stellvertretende Wahrnehmung ein überall auftretendes Alltagsphänomen, das in Aufstellungen lediglich besonders fokussiert und genutzt wird. Denken sie etwa an Berichte wie den von einer Mutter, die nachts um halb drei plötzlich mit einem stechenden Schmerz im rechten Bein erwacht, um am nächsten Morgen zu erfahren, dass ihre Tochter genau zu diesem Zeitpunkt in Australien eine schwere Verletzung am rechten Bein erlitten hat.

Es geht bei der stellvertretenden Wahrnehmung also um ein altes Menschheitswissen, das unsere innige und weitreichende Verbindung zu unserem Nächsten, darüber hinaus aber mit all en Menschen und mit der ganzen Schöpfung beschreibt- eine Erfahrung, die in Aufstellungen immer wieder konkret auftreten kann.

Ungläubigkeit und Skepsis sind willkommen

Wer zum ersten Mal von den Möglichkeiten stellvertretender Wahrnehmung hört, ist meist skeptisch, und das ist auch gut so. Ich ermutige ausdrücklich zu kritischer Skepsis gegenüber den Phänomenen in Aufstellungen und entmutige jede Art von Gläubigkeit. Es kommt bei Aufstellungen nicht auf Glauben sondern ausschließlich auf überzeugende Erfahrungen an, die sich im Alltag und gegenüber kritischen Fragen bewähren und die mit dem gesunden Menschenverstand vereinbar sind. Letzterer spiegelt ja nicht lediglich das wieder, was wir für normal halten, sondern was Lebenserfahrung und ein natürlicher Spürsinn uns wissen lassen.

Inzwischen gibt es auch eine ganze Reihe von solide durchgeführten Forschungsarbeiten, die die Hypothese von Aufstellungen und deren praktische Wirksamkeit belegen.

Aufstellungen – ein Raum für alle Methoden

Wir schützen in der Aufstellungsarbeit die großen Verdienste bewährter Therapieverfahren und nutzen sorgsam und klug das Beste von ihnen, ohne Schulenstreit und Rechthaben-Müssen. Wir alle haben recht -aber nur teilweise, so mahnt der amerikanische Philosoph und Anthropologe Ken Wilber. Und so kommt das wertvolle Wissen vieler ‚Ahnen‘ in Aufstellungen zum Tragen: von der Freud'schen Psychoanalyse, der Jung'schen analytischen Psychologie, den humanistischen Psychologien, den Körpertherapien, über die kognitiven und Verhaltenstherapien bis hin zu schamanischen, energetischen und den vielen transpersonalen Verfahren. Sie alle tragen bei zu den ‚wissenden Feldern‘ von Aufstellungen und ihren unerschöpflichen Möglichkeiten.

Spiritualität und Humor

Aufstellungen erinnern uns daran, dass Spiritualität die befreiende Möglichkeit meint, dem zuzustimmen was ist- unserer gegenwärtigen Lebenssituation, unseren Gefühlen und Wünschen, dem Unabänderlichen, unseren Aufgaben und unseren noch ungenutzten Möglichkeiten; sie meint die Entspannung und Erholung beim nicht urteilenden Wahrnehmen; und sie meint die Freiheit nichts mehr bei sich selbst und anderen als ausnehmend schlecht oder exklusiv gut wahrnehmen zu müssen. Das sind Elemente einer einfachen, herznahen Spiritualität, die jede/r schon immer in sich trägt. Wenn wir das wieder mehr erleben, tritt eine unträgliche Folge ein: es gibt viel mehr zu lachen, auch in schwierigen Lebenssituationen. Wenn Aufstellungen nicht zu mehr Humor führen, wartet noch etwas mehr Arbeit auf uns.

 

Quelle: Dr. med. Albrecht Mahr